Frozen Moments

Frozen Moments

Frozen Moments und der Umgang mit dem Internet als Publikationsmedium

 

Wie viele Filmemacher nutze ich das Internet als Publikationsmedium. Ein Teil meiner Poesiefilme sind auf vimeo für jedermann frei zugänglich. Ich stehe dazu, einen Teil meines Werks frei und kostenlos zugänglich zu halten. Es ermöglicht vielen Menschen aus allen Teilen der Welt, meine Filme zu sehen. Letztlich wir den Arbeiten über das Internet eine breitere Öffentlichkeit erschlossen, was die Festivalscreenings an Festivals allein nicht leisten. Kunst ist Kommunikation.

Ein praktikabler Mittelweg ist die Praxis, die Filme 2 Jahre lang exklusiv für Festivals zurückzuhalten und sie erst dann ins Internet zu stellen.

Im Grunde glaube ich nicht daran, dass Kunst per se käuflich ist. Die Idee, dass man ein Kunstwerk verkaufen und erwerben kann, hat etwas Abstruses. Eine kreative Schöpfung ist im Eigentlichen keine Ware, sondern die Manifestation eines geistigen Zustandes. Allerdings braucht der Künstler gesellschaftlich betrachtet ein Tauschmittel, um in der Gemeinschaft bestehen können. Das Kunstwerk erhält Warencharakter, indem es als Tauschobjekt den Lebensunterhalt des Künstlers absichert.

Obwohl ich die Auffassung vertrete, dass ein Kunstwerk seinen Sinn erst dadurch gewinnt, dass es kommuniziert wird präsentiere ich nicht alle meine Filme im Internet. Vor allem längere und hochwertigere Kurzfilme, die sich für eine Wiedergabe online weniger eignen, halte ich passwortgeschützt zurück.

Damit gehöre ich weder der Fraktion an, die meint, alle Kunst müsse vollkommen kostenfrei zugänglich sein, noch zu jenen, welche die Kunstfilme für ein zahlungskräftige Klientel oder für große Ausstellungsmacher, Festivals oder VoD zurückhalten.

Was meine persönliche Vorliebe betrifft, so gebe ich einer Kunst den Vorzug, die sich ein Geheimnis in den Tiefen des Unterbewusstseins bewahrt und nicht eindeutig ausgelotet werden kann. Als Betrachter versuche ich, in diese Tiefe und in diese Realität vorzudringen. In dieses Abenteuer zu entdecken möchte ich hineingezogen werden.

Frozen Moments
Ich bevorzuge die Vorstellung und dass sich nicht alles – wie der Zeitgeist fordert – sofort und anstrengungslos an der Oberfläche erschließt. Die Welt ist oft paradox und es gibt keine einfachen Wahrheit, sondern meist nur Perspektiven.

Hic et nunc, hier und jetzt, ist heute zu der vorherrschenden Philosophie geworden auch in der Kunst. Ich halte diesen zur Simplifizierung und zum Populismus neigenden Zeitgeist für wenig nachhaltig und sehr unpoetisch. Die Poesie sucht im Gegensatz dazu oft die Zeitlosigkeit über den Moment hinaus, die frozen moments.

Neben ästhetischen Fragen stellt sich im politischen Zusammenhang die Frage, ob wir mit dem Bewusstsein von hier und jetzt tatsächlich die Probleme unserer Zeit lösen werden. Züchten wir nicht gerade so eine geistige Haltung von nach mir die Sintflut?

Ohne historisches Wissen und ein Bewusstsein für die menschlichen Schwächen lässt sich menschliches Zusammenleben nicht erschließen. Ohne Visionen und das Visionäre über das Jetzt hinaus werden wir nicht zum Umdenken zu bewegen sein. Nun ist uns aber gerade das Visionäre abhanden gekommen. Auch das Verständnis für historische Ausdrucksformen der Sprache und Kultur wurde bereits erfolgreich wegrationalisiert zugunsten von hier und jetzt.

Es gibt in der Philosophie eine Denktradition des Gegenwärtigen, die in einem Akt der Konzentration Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit vereint. Sie ist vergleichbar mit der Kunst der Kalligraphie, in der sich ein Meister ein Leben lang schult. Dieses „Jetzt“ zu erfassen, ist jedoch nur wenigen Auserwählten vorbehalten und Ergebnis einer lebenslangen Übung und Erkenntnissuche. Mit dem, was im Mainstream mit hic und nunc gemeint ist, hat dieses philosophische „Jetzt“ eines David Steindl-Rast oder anderer großer Meditionsmeister und Denker wenig zu tun.

Ich selbst forciere in meiner Kunst einen andere Zeitdimension  –  die der poetische Entgrenzung. Das Englische bringt dieses Gefühl in nur zwei Worten zum Ausdruck: beyond time.

Abschließend verweise ich noch auf folgende filmischen Arbeiten, die online zu sehen sind. Enjoy!

requiem auf georg trakl –  mein Regie-Debüt mit Marc Neys aus dem Jahr 2012 nach einem Performance-Text fürs Literaturhaus Salzburg. Der Film war sehr erfolgreich mit 7 internationalen Festivalscreenings.

 

ein blaues tier sich verneigt / a blue animal bows. Auf  Yang folgt Yin, und auf die Todesmetaphern ein Film, der sich Trakls Metaphern von Schönheit widmet.

 

tschumbotschampoo oder jörg bungee verschollen am seil
Meinen erfolgreichsten Film mit 9 Festivalscreenings gibt es nur in der Trailerversion zu sehen. Der Text ist ein Rewrite des DADA Romans „sekunde durch hirn“ von Hubert Kramar. Der Film wurde in Co-Regie mit Alexandra Reill 2013 realisiert.

Sigrun Höllrigl

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